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Leitartikel, Jerusalem Post Magazin "In Jerusalem", 11. Februar 2005

Kalter Trost

Down, out und obdachlos auf Jerusalems Strassen

Von ITA PRINCE-GIBSON
(Aus dem Englischen von Yaacov Yeretz Peretz)

Die Käl­te dringt durch die Lö­cher in den Wän­den und das Was­ser tropft durch die Ris­se im Dach. Die Kol-Yis­ra­el­Cha­ve­rim (Ganz-Is­ra­el-sind-Freun­de /d.Ü.) Schu­le in der Nach­bar­schaft des Ma­cha­ne Ye­hu­da Mark­tes und des Klal Zent­rums war ein­mal ei­ne glor­rei­che Schu­le. Von der Stadt­ver­wal­tung ver­las­sen, dient es jetzt als Su­la­nov (auch "Sula": Slang für Bun­ker, Ver­steck, Hide-out /d.Ü.) für Je­ru­sa­lems jüng­stes Stras­sen­volk.
In ei­ni­gen Räu­men liegt der Schmutz fast ei­nen hal­ben Me­ter hoch. Mensch­li­che und tie­ri­sche Fä­ka­li­en, weg­ge­wor­fe­ne Dro­gen­sprit­zen, ben­utz­te Hy­gie­ne­bin­den, schimm­li­ges Brot und ein ein­sa­mer Schuh; und al­les ist über­la­gert mit Russ.

Es herrscht ein fau­lig-säu­er­li­cher Ge­stank, durch­setzt mit dem Ge­ruch von er­lo­sche­nen Feu­ern.
"Wahr­schein­lich ver­bren­nen sie Din­ge, um sich nachts warm zu hal­ten," meint Rel­ly Kat­zav, die Lei­ter­in von Gal­gal, ei­nem von El­em ge­spon­ser­ten Out­reach Pro­gramm. El­em ist ei­ne Non-Pro­fit Or­ga­ni­sa­ti­on für Aus­reis­ser, Ob­dach­lo­se und aus­ge­stos­se­ne is­ra­eli­sche Ju­gend­li­che.
"Sie le­ben auf der Stras­se. Wenn wir in ih­rem Le­ben ei­nen Un­ter­schied ma­chen wol­len, müs­sen wir sie erst ein­mal so ak­zep­tie­ren, wie sie sind und sie dort ab­ho­len, wo sie sind: auf den Stras­sen und in den Su­las," sagt Kat­zav.
Sie geht ei­nen Flur ent­lang, der mit ei­nem schmut­zi­gen Be­sen ge­fegt wor­den ist und klopft an ei­ne ge­schlos­se­ne Tür.
"Dies ist das ein­zi­ge Zu­hau­se, das sie ha­ben," er­klärt sie ihr Klop­fen. Wenn nie­mand ant­wor­tet, guckt sie in die kal­te Dun­kel­heit hin­ein um si­cher­zu­stel­len, dass nie­mand drin­nen liegt, der ernst­haft krank oder gar be­wusst­los ist. In die­sem Raum ist der Schmutz zur ei­nen Se­ite hin ge­scho­ben wor­den um ei­nen Platz zu schaf­fen, wo die hier le­ben­den Stras­sen­leu­te schmut­zi­ge Mat­rat­zen hin­le­gen und ei­nen pro­vi­sori­schen Tisch ein­rich­ten konn­ten. Da be­fin­det sich so­gar ein Bild des Pop­stars Sa­rit Ha­dad, wel­ches aus ei­ner Zeit­schrift aus­ge­ris­sen und an die Wand ge­hef­tet wur­de.
Die frü­he­re Schu­le ist ver­las­sen. Tags­üb­er ist es kalt und die Stras­sen­kids schlüp­fen in ge­heiz­ten Durch­gän­gen oder Sup­pen­kü­chen un­ter. Nachts wird es noch käl­ter, aber dann gibt es nichts, wo man hin­ge­hen kön­nte. Da­rum kom­men sie zu­rück an den ein­zi­gen Ort, wo sie schla­fen kön­nen. Letz­te Wo­che schlie­fen hier sieb­zehn Leu­te, sagt sie.
Heu­te Nacht wird Na­tal­ya hier sein oder in ei­nem an­de­ren Su­la wie die­sem, ir­gend­wo im Zent­rum von Je­ru­sa­lem. Wenn sie am Zi­ons­platz spät nachts Klein­geld er­bet­telt, wirkt sie je­weils nur leicht an­ge­trun­ken. Mit dem er­wor­be­nen Geld wird sie mehr Wod­ka kau­fen ge­hen, wel­cher sie warm hält, wie sie be­haup­tet. Sie wird nicht viel mehr er­zäh­len, aus­ser dass sie 22 Jah­re alt ist, dass sie mit 16 mit ih­rer Mut­ter und Gross­mut­ter aus Russ­land ein­ge­wan­dert ist, und dass ihre Mut­ter sie vor drei Jah­ren hin­aus­ge­wor­fen hat. Seit­her lebt sie auf der Stras­se.
Mit ju­gend­li­cher An­ge­be­rei sagt sie, dass sie sich gut durch­schla­ge, und wenn sie eine Du­sche brau­che oder wenn es ihr zu kalt sei, "ist ein Mann da, der mich her­ein nimmt - um­sonst."
Na­tal­ya ist ei­ne von schät­zungs­we­ise 140 Ju­gend­li­chen im Al­ter von 18-26, die auf Je­ru­sa­lems Stras­sen le­ben. Laut Shab­tai ("Shabi") Ame­di, Ver­ant­wort­li­cher der Ab­tei­lung der Je­ru­sa­le­mer Stadt­ver­wal­tung für Ju­gend­für­sor­ge, gibt es, wenn über­haupt, nur ganz we­ni­ge jün­ge­re Teen­ager oder Kin­der auf den Stras­sen. Das is­ra­eli­sche So­zi­al­sys­tem ist im­mer noch ge­nü­gend in­takt, meint er, und das Ju­gend­de­part­ment ist im­mer noch stark ge­nug um für die mei­sten zu sor­gen. Das is­ra­eli­sche Ju­gend­ge­setz gibt So­zi­al­ar­bei­tern ei­ne weit­rei­chen­de Au­to­ri­tät um dys­funk­tio­na­len Fa­mi­li­en zu hel­fen, und um aus­ge­ris­se­ne und ver­äng­stig­te Kids in the­ra­peu­ti­sche Ein­rich­tun­gen oder Pfle­ge­fa­mi­li­en zu ver­mit­teln, auch ge­gen de­ren Wil­len.
Aber wenn sie ein­mal 18 sind, greift das Ju­gend­ge­setz nicht mehr. Äl­te­re Teens kön­nen nicht ge­gen ih­ren Wil­len in ei­nen sol­chen Rah­men ge­zwun­gen wer­den, aus­ser sie stel­len ei­ne di­rek­te Ge­fahr für sich selbst oder ih­re Um­ge­bung dar. Und für man­che von ih­nen ist es ein sehr stei­ler und kur­zer Ab­stieg auf den Stras­sen. Doch dank Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Elem und der An­stren­gun­gen der Stadt­ver­wal­tung nimmt die Zahl der auf der Stras­se le­ben­den Ju­gend­li­chen lang­sam, je­doch deut­lich, ab.
Vom Ge­setz her ha­ben Ju­gend­li­che im Al­ter zwi­schen 18 und 26 Jah­ren, wel­che als Ob­dach­lo­se diag­no­sti­ziert wur­den, das Recht auf ei­ne wei­te Span­ne von so­zia­len Dien­sten und Ver­gün­sti­gun­gen wie Not­woh­nung ein­schlies­slich Aus­bil­dung, Lang­zeit-Wohn-Un­ter­stüt­zung, Re­ha­bi­li­ta­ti­on und the­ra­peu­ti­sche Dien­ste, so­wie für be­treu­tes Woh­nen. Sie kön­nen so­gar Geld be­kom­men, um da­mit ein Kon­to zu er­öff­nen.
Um je­doch sol­che Dien­ste nut­zen zu kön­nen, müs­sen sie da­mit ein­ver­stan­den sein, die Re­geln zu be­fol­gen, ei­nen Dro­gen­ent­zug zu ma­chen und trocken zu blei­ben von Al­ko­hol und Dro­gen. Und sie wer­den ler­nen müs­sen, Ver­trau­en auf­zu­bau­en.
Und manch­mal ha­ben sie Er­folg. Ame­di er­in­nert sich an ein jun­ges Mäd­chen von der frü­he­ren So­wiet-Uni­on. Sie kam al­lein nach Is­ra­el und leb­te sich in der In­ter­nats­schu­le nicht ein, wel­cher sie zu­ge­teilt wor­den war. Ame­di, der da­mals So­zi­al­ar­bei­ter war, fand sie, un­ter­er­nährt und krank. Ein­mal eva­ku­ier­te er sie vom Su­la mit der Am­bu­lanz in ei­nem Zu­stand na­he dem kli­ni­schen Tod. Sie kehr­te mehr­mals auf die Stras­se zu­rück, aber er gab sie nicht auf.
"Ir­gend­wie wuss­te ich, dass sie es in sich hat," er­in­nert er sich: "ich wuss­te, dass sie es schaf­fen kann."
Lang­sam sprach sie auf sei­ne Be­hand­lung an. Sie brauch­te Jah­re, aber sie war schlies­slich in der La­ge, die Mitt­le­re Rei­fe zu be­en­den. Heu­te stu­diert sie Phy­sik an ei­ner is­ra­eli­schen Uni­ver­si­tät, lebt in ei­ner Stu­den­ten­woh­nung - und macht Vo­lon­tärs­dien­ste in ei­nem Dro­gen-Re­ha­bi­li­ta­ti­ons-Pro­gramm für Ju­gend­li­che.


Weil die mei­sten die­ser jun­gen Leu­te den Schritt zu ei­nem Drop-In oder Re­hab Zent­rum sel­ber nicht schaf­fen, kom­men Grup­pen wie El­em zu ih­nen in die Nä­he.
Meh­re­re Ma­le pro Wo­che, seit 1977, steht der El­em Bus von 22:30 Uhr bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den am Zi­ons­platz. Es gibt dort ei­ne ge­misch­te Grup­pe von Ju­gend­li­chen - ab­ge­sprun­ge­ne Ul­tra-Or­tho­do­xe, Ara­ber, weg­ge­lau­fe­ne Kids aus Sied­lun­gen in Ju­däa und Sa­ma­ria, Im­mi­gran­ten und Mit­tel­klas­se-Kids aus "gu­ten Häu­sern". Da sind vie­le ver­äng­stig­te Kids. Und nach­dem um 00:30 Uhr der letz­te Bus die Stadt ver­las­sen hat, müs­sen wohl die mei­sten der jetzt noch um­her­strei­fen­den Ju­gend­li­chen zu de­nen ge­hö­ren, die nir­gend­wo­hin ge­hen kön­nen. Die­se wer­den vom Bus an­ge­zo­gen.
"So­gar Aschen­put­tel hat­te ei­nen Ort, wo sie nach Mit­ter­nacht hin­ge­hen konn­te", sagt El­ad Green­berg, der Ver­ant­wort­li­che vom El­em-Bus.
Vie­le von ih­nen sind dro­gen­ab­hän­gig, doch es gibt ein schwei­gen­des Ab­kom­men zwi­schen El­em, der Po­li­zei und den Ju­gend­li­chen. Die Po­li­zei hält sich in Di­stanz und die Ju­gend­li­chen re­spek­tie­ren den Bus und hal­ten den Be­reich um ihn her­um sau­ber und dro­gen­frei.
Der Bus ist nicht dort um The­ra­pie an­zu­bie­ten, son­dern um ei­nen er­sten Out­reach zu ma­chen und zu ver­su­chen, die Stras­sen­jungs mit ei­ni­gen As­pek­ten des nor­ma­ti­ven Le­bens in Kon­takt zu brin­gen.
Aus­ge­bil­de­te Vo­lon­tä­re su­chen die Stras­sen­kids, und Be­ra­ter bie­ten in den Bus­sen von lo­ka­len Bäcke­rei­en ge­spon­ser­te Bo­re­kas an, et­was zu Knab­bern und heis­se Ge­trän­ke. Die Vo­lon­tä­re la­den die Ju­gend­li­chen auf ei­ne Run­de Schesch­besch ein (ein Brett­spiel /d.Ü) oder auf ei­nen Schwatz - und da­zu, dem kal­ten und beis­sen­den win­ter­li­chen Nacht­wind zu ent­flie­hen.
Das Is­ra­el-Mu­se­um stellt das Ma­te­ri­al und die Kunst­leh­rer­in Dah­lit Sha­ron zur Ver­fü­gung, wel­che die her­um­strei­fen­den jun­gen Le­ute ein­lädt, zeich­nen zu kom­men.
"Es ist kei­ne Kunst­the­ra­pie", sagt sie vor­sich­tig, aber es ist ein Ver­such, ih­nen et­was an­de­res zu tun zu ge­ben, sie et­was an die nor­mati­ve Ge­sell­schaft an­zu­nä­hern und ih­nen ei­nen an­de­ren Weg der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu er­öff­nen." Die Zie­le sind be­schei­den nied­rig ge­steckt.
Ei­ne jun­ge Frau in einst ele­gan­ten, jetzt aber ab­ge­tra­ge­nen Klei­dern, kommt je­de Wo­che. Sie sitzt an ei­nem Tisch, den Sha­ron auf­ge­stellt hat, und zeich­net Ge­sich­ter, meist in schwarz, für mehr als eine Stun­de. "Ich weiss nicht, ob sie ei­nen Ort hat, wo sie woh­nen kann," sagt Dah­lit. "Aber et­was muss sie pla­gen, dass sie je­de Wo­che wie­der­kommt, egal wie warm oder kalt es ist."

"Auf­fäl­li­ger­wei­se," be­tont sie, "nimmt die jun­ge Frau ih­re Zeich­nun­gen nie mit." We­ni­ge der Leu­te vom Zi­ons­platz tun das. [Ei­ni­ge der ver­las­se­nen Zeich­nun­gen sind auf die­sen Sei­ten ab­ge­bil­det.]
"Ich kom­me re­gel­mäs­sig hier­her," fährt Sha­ron fort. "In Re­gen und Schnee kom­men wir Vo­lon­tä­re und Mit­ar­bei­ter im­mer wie­der zu­rück. Ich weiss, dass dies ab­ge­dro­schen klin­gen muss, aber ich be­kom­me tat­säch­lich mehr als ich ge­be. Ich wer­de viel­leicht das Ver­trau­en ei­nes die­ser so tief ver­letz­ten Men­schen ge­win­nen - und al­lein des­we­gen schon wer­de ich im­mer wie­der her­kom­men."
Sie fährt fort: "Je­der ein­zel­ne die­ser Leu­te hat das Po­ten­zi­al, ei­ne pro­duk­ti­ve Per­son zu wer­den, mit dem Dro­gen- und Al­ko­hol­miss­brauch auf­zu­hö­ren und sich selbst und die Ge­sell­schaft zu be­rei­chern. Ich weiss, dass wir ihr Le­ben nicht ver­än­dern kön­nen, aber manch­mal bil­den wir tat­säch­lich den Un­ter­schied zwi­schen Le­ben und Tod."
Green­berg weist un­auf­fäl­lig auf ei­nen jun­gen Mann, der den heis­sen Tee in gros­sen Schlücken hin­unter­kippt. Er ist gross und breit­schult­rig, und sein Man­tel ist ihm zu klein und zu dünn für das un­freund­li­che Wet­ter.
Seit Mo­na­ten schon pflegt er zwei­mal die Wo­che im Bus "vor­bei­zu­schau­en". Er plau­dert ein we­nig, trinkt et­was Tee und er­zählt prak­tisch nichts über sich selbst. Green­berg kennt sei­ne Ge­schich­te noch nicht, aus­ser dass er auf der Stras­se lebt.
"Wenn wir ihn in sei­nem Tem­po ge­hen las­sen, wenn wir ihn wirk­lich so ak­zep­tie­ren, wie er ist, und wenn wir ihn die Hil­fe auf ei­ne Wei­se be­kom­men las­sen, die ihm er­laubt, sei­ne letz­te ver­blie­be­ne Wür­de zu be­wah­ren - dann kann er viel­leicht sein Le­ben än­dern."

Be­vor sie zum Bus ka­men, wa­ren ei­ni­ge der Stras­sen­kids im Gal­gal ("Rad") Zent­rum, ei­nen Häu­ser­block ent­fernt an der Jaf­fa­stras­se.
Gal­gal ist ein Drop-In Zent­rum, wo ob­dach­lo­se und aus­ge­ris­se­ne Ju­gend­li­che ei­ne war­me Mahl­zeit ein­neh­men kön­nen. Sie kön­nen da ei­ne heis­se Du­sche neh­men und die Klei­der wech­seln. Ein­hun­dert und zwan­zig Ju­gend­li­che im Al­ter von 18 bis 26 Jah­ren ka­men im letz­ten Jahr ins Gal­gal, die mei­sten da­von Ob­dach­lo­se, meist aus der ehe­ma­li­gen So­wiet-Uni­on. Das Zent­rum ist drei­mal die Wo­che von 18:00 Uhr bis 22:00 Uhr ge­öff­net. Da­nach gibt es für die mei­sten der jun­gen Leu­te kei­nen Ort, wo­hin sie noch ge­hen könn­ten.
Vie­le die­ser rus­si­schen Ju­gend­li­chen ka­men al­lein nach Is­ra­el, oh­ne ih­re Fa­mi­li­en, durch die Pro­gram­me der Je­wish Agen­cy. Aber aus un­ter­schied­lich­sten Grün­den konn­ten sie sich nicht ein­le­ben. Sie sind ab­ge­wan­dert und ha­ben den Kon­takt ver­lo­ren. Es braucht nicht viel, auf der Stras­se zu en­den, wenn man nie­man­den hat, an den man sich wen­den kann, wenn man die Spra­che nicht spricht und sich in der Kul­tur nicht aus­kennt.
An­de­re stam­men aus ein­ge­ses­se­nen is­ra­eli­schen Fa­mi­li­en. Mäd­chen, wel­che vor sexu­el­lem Miss­brauch flo­hen, Jun­gen, wel­che die Ge­walt nicht län­ger er­tra­gen konn­ten, oder Kids, wel­che es ein­fach in der nor­ma­ti­ven Welt nicht schaf­ften.
Bald fan­gen sie an, Rausch­gift zu kon­su­mie­ren um den Schmerz zu be­täu­ben, oder weil sie den­ken (fälsch­lich), dass es sie warm hal­te; viel­leicht auch weil sie da­zu­ge­hö­ren wol­len. Oder sie be­gin­nen sich zu pro­sti­tu­ie­ren, um ei­ni­ge zu­sätz­li­che She­kel zu ma­chen.
Der Pro­zess ist schnell und ge­mein, sagt Kat­zav. Sie ver­lie­ren den Kon­takt zur nor­ma­ti­ven Ge­sell­schaft. Sie ge­hö­ren in kei­nen Rah­men, ha­ben kei­ne Ad­res­se, er­näh­ren sich schlecht und wer­den krank. Je­des Jahr ster­ben drei oder vier von ih­nen auf den Stras­sen.
Das Gal­gal Zent­rum bie­tet auch me­di­zi­ni­sche und ju­risti­sche Dien­ste an, wel­che von pro­fes­sio­nel­len Vo­lon­tä­ren zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den. Sie hän­di­gen sau­be­re In­jek­ti­ons­na­deln aus in der Hoff­nung, zu­min­dest die Ver­brei­tung in­fek­tiö­ser Er­kran­kun­gen zu ver­min­dern. Da gibt es so­gar ei­nen Re­fle­xo­lo­gen, der ein­mal die Wo­che als Vo­lon­tär dient. "Die Rus­sen," sagt Kat­zav, "le­sen ger­ne. Und hier gibt es ei­nen Bü­cher­schrank vol­ler rus­si­scher Pa­per­backs."
Kat­zav er­zählt: "Die mei­sten die­ser jun­gen Men­schen kon­su­mie­ren har­te Dro­gen, und des­halb kön­nen sie die von der Stadt an­ge­bo­te­nen Dien­ste nicht in An­spruch neh­men. Wir sind das er­ste Ver­bin­dungs­glied. Wir ak­zep­tie­ren sie be­din­gungs­los. Wir re­spek­tie­ren ih­re Wahl und neh­men sie so an wie sie sind, doch wir ver­su­chen im­mer, Mo­ti­va­tio­nen für eine Än­de­rung zu schaf­fen, für ei­ne klei­ne Wen­de hin zu der nor­ma­ti­ven Welt."
Wo im­mer es mög­lich ist, ver­su­chen die Vo­lon­tä­re und Mit­ar­bei­ter von Gal­gal und Bus die Jun­gen zu über­zeu­gen, sich an die städti­schen Dien­ste zu wen­den, um ih­re Iden­ti­täts-Pa­pie­re in Ord­nung zu brin­gen, da­mit sie die Bei­trä­ge von der So­zi­al­für­sor­ge ein­for­dern kön­nen, zu wel­chen sie be­rech­tigt wä­ren, und vor al­lem, dass sie ei­nen Ent­zug mit nach­fol­gen­dem Re­ha­bi­li­ta­ti­ons-Pro­gramm in An­griff ne­hmen.
Sie er­in­nert sich an ei­ne jun­ge Frau, wel­che nach Mo­na­ten re­gel­mäs­si­ger Be­su­che im Gal­gal ei­nem Vo­lon­tär er­öff­ne­te, dass sie seit mehr als elf Jah­ren kei­nen Film mehr ge­se­hen ha­be. Mit Geld aus der Klein­geld­kas­se gin­gen sie und ein Vo­lon­tär "Ocean 12" an­se­hen.
"Ih­re Ge­schich­te ver­lief nicht wie im Mär­chen," sagt Kat­zav. "Sie ist im­mer noch auf der Stras­se und kon­su­miert Rausch­gift. Aber we­nig­stens hat­te sie ein­mal ein po­si­ti­ves Er­leb­nis und ge­wann ein biss­chen mehr Ver­trau­en."
"Ver­trau­en," sagt Ame­di, "ist ent­schei­dend. Zum Zeit­punkt wo sie zu uns kom­men, sind die­se Jun­gen durch die Höl­le ge­gan­gen. Um auf der Stras­se zu über­le­ben, müs­sen sie das Ge­setz bre­chen, und so sind sie mit dem Ge­setz in Kon­flikt. Die Welt war nicht gut zu ih­nen - wa­rum soll­ten sie uns al­so ver­trau­en? Um ih­nen zu hel­fen, müs­sen wir erst ihr Ver­trau­en ge­win­nen und uns ih­rer wür­dig er­wei­sen."


Ser­gei ist 48 Jah­re alt, und er leb­te sie­ben Jah­re auf der Stras­se, be­vor er die Hil­fe von SHE­KEL an­nahm, ei­ner Non-Pro­fit Or­ga­ni­sa­ti­on, an wel­che die Stadt­ver­wal­tung ih­re Hilfs­an­ge­bo­te für er­wach­se­ne Stras­sen­be­woh­ner aus­ge­la­gert hat.
Das Für­sor­ge­mi­ni­ste­ri­um de­fi­niert ei­nen Stras­sen­be­woh­ner als ei­ne Per­son "im Al­ter von mehr als 18 Jah­ren, die auf der Stras­se, in ver­las­se­nen Ge­bäu­den, öf­fent­li­chen Gär­ten oder Plät­zen und in Bau­stel­len haust, in tie­fer psy­chi­scher und emo­tio­na­ler Ver­nach­läs­si­gung, ge­trennt und ab­ge­lehnt von Fa­mi­lie und Freun­den."
Nach An­ga­ben von Adit Dayan, der Ver­ant­wor­tli­chen für die Un­ter­ab­tei­lung für Ob­dach­lo­se in der Ab­tei­lung für Re­ha­bi­li­ta­ti­on im Für­sor­ge­de­part­ment der Je­ru­sa­le­mer Stadt­ver­wal­tung, gibt es heu­te meh­re­re hun­dert Stras­sen­be­woh­ner in Je­ru­sa­lem, etwa 60% mehr als im letz­ten Jahr.
"Es ist schwie­rig, ge­nau ab­zu­schät­zen, wie­vie­le es sind," er­klärt sie. Ei­ni­ge sind ein­fach bei kei­ner der Au­to­ri­tä­ten oder So­zi­al­dien­ste be­kannt. An­de­re ma­chen wie­der­hol­te Be­su­che in den Not­unter­künf­ten oder Ent­zugs­ein­rich­tun­gen, wo­durch sich die Zif­fern auf­bla­sen.
Die ge­sam­mel­ten Da­ten ma­chen er­sicht­lich, dass das Durch­schnitts­al­ter ei­nes er­wach­se­nen Stras­sen­be­woh­ners in Je­ru­sa­lem heu­te 42 Jah­re be­trägt. 85 Pro­zent von ih­nen sind Män­ner. 65 Pro­zent sind Al­ko­ho­li­ker, wäh­rend wei­te­re 30 Pro­zent Rausch­gift­süch­tig sind. Nur 28 Pro­zent ha­ben schwe­re psy­chi­sche Prob­leme.

Über 80 Pro­zent sind Ein­wan­de­rer aus der frü­he­ren So­wiet-Uni­on, al­ler­dings wächst die Zahl der ein­ge­ses­se­nen Is­ra­elis stän­dig.
"Frü­her war es für Is­ra­elis ein­fach un­denk­bar, auf der Stras­se zu le­ben," sagt Dayan. "Aber im jet­zi­gen Zeit­al­ter der Pri­va­ti­sie­rung und der Zer­stö­rung des So­zi­al­we­sens wird es denk­bar. Und wir, die Öf­fent­lich­keit, ha­ben uns da­ran ge­wöhnt. Wir se­hen sie nicht mehr, so­gar wenn sie sich di­rekt vor un­se­ren Füs­sen be­fin­den."
Vie­le un­ter ih­nen ha­ben ei­ne Ge­schich­te wie Ser­geis. In der frü­he­ren So­wiet-Uni­on war er ein Arzt. Er kam nach Is­ra­el in den 90-ern mit Frau und Sohn. Aber er konn­te als Arzt kei­ne Ar­beit fin­den, und so ar­bei­te­te er als Kran­ken­pfle­ger. Er fühl­te sich bit­ter und ent­wer­tet und be­gann, mehr zu trin­ken als je zu­vor. Ein­mal er­schien er be­trun­ken an der Ar­beit im Spi­tal und ver­lor sei­ne Ar­beit. Als er in der Wut der Trun­ken­heit sei­ne Frau schlug, rie­fen die Nach­barn die Po­li­zei. Sei­ne Frau er­wirk­te ein Haus­ver­bot, und so kon­nte er nicht mehr in sei­ne Woh­nung. Er hat­te kei­nen Ort, wo­hin er ge­hen konn­te. Er schlief auf ei­ner Park­bank und in Durch­gän­gen. Er ass in Sup­pen­kü­chen und be­gann Geld zu er­bet­teln, wo­von er sich mehr Wod­ka kauf­te.
Drei­mal ver­such­te er zu ent­zie­hen, aber je­des­mal kehr­te er auf die Stras­se und zum Wod­ka zu­rück. Er woll­te ster­ben. Die kal­te Be­täu­bung der Trun­ken­heit war viel leich­ter zu er­tra­gen als die Er­kennt­nis, dass er auf fel­sen­har­ten Grund ge­lau­fen war. Er ver­lor jeg­li­chen Kon­takt zu Frau und Kind. Er ver­lor den Kon­takt zu je­der­mann.
"Ich hat­te so­gar ver­ges­sen, wie nor­ma­le Leu­te sich du­schen und an­zie­hen," er­in­nert sich Ser­gei heu­te.
Er hat­te vier Jah­re auf der Stras­se ver­bracht, be­vor er in der La­ge war, sich von dort wie­der hoch­zu­han­geln, erst zu ei­ner Not­un­ter­kunft, dann in ein Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­zent­rum und da­nach ins be­treu­te Woh­nen.
Zur Zeit lebt er in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft, wel­che von SHE­KEL ge­führt wird. Er lernt, mit an­de­ren zu­sam­men zu le­ben und sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten, in ei­ne ei­ge­ne Miet­woh­nung zu zie­hen. Er ar­bei­tet jetzt als Ab­wä­scher, aber zu­min­dest ar­bei­tet er, sagt er. Nach ei­nem Acht-Stun­den-Pen­sum kommt er heim in die Wohn­ge­mein­schaft, wo er sei­ne Ver­pflich­tun­gen und sei­ne Rou­ti­ne hat, ge­nau wie alle an­de­ren.
"Ich weiss, dass ich nie wie­der ein Arzt sein wer­de," sagt Ser­gei. "Und das schmerzt. Ich möch­te es im­mer noch weg­sau­fen. Aber ich will mei­nen Sohn wie­der­fin­den. Und ich will jetzt le­ben. Ich weiss nicht, wel­che Art von Le­ben ich ha­ben wer­de, aber ich den­ke jetzt zu­min­dest, dass ich es ver­su­chen kann." Ähn­lich den Ju­gend­pro­gram­men sind SHE­KEL's Pro­gram­me Mehr­stu­fen-Pro­gram­me, von Not­unter­künf­ten zu be­treu­tem Woh­nen, Be­rufs­be­ra­tung und Über­gangs­woh­nun­gen bis hin zu Miet­woh­nun­gen.
Dayan hebt her­vor, dass Ein­wan­de­rer von der frü­he­ren So­wiet-Union an­hand der Pe­rio­de un­ter­schie­den wer­den kön­nen, in wel­cher sie nach Is­ra­el ka­men. In den 90-ern hat­ten vie­le der spä­ter auf der Stras­se le­ben­den Ein­wan­de­rer ein nor­ma­ti­ves Le­ben in Russ­land ge­lebt, doch hier in Is­ra­el wa­ren sie nicht in der La­ge, die Kri­se der Ein­wan­de­rung zu ver­kraf­ten. Je­doch im Blick auf die letz­ten Jah­re klagt sie: "Die Agen­ten der Je­wish Agen­cy ha­ben ih­re Quo­ten für die Ein­wan­de­rung zu er­fül­len. So le­sen sie die Leu­te auf der Stras­se auf, Men­schen, wel­ch in ih­rem Ur­sprungs­lan­de kein nor­ma­ti­ves Le­ben führ­ten, und sie be­rei­ten sie nicht auf die Rea­li­tä­ten ei­nes Le­bens hier vor."
(Das Bü­ro des Spre­chers der Je­wish Agen­cy hat auf die Nach­fra­ge des Ma­ga­zins "In Je­ru­sa­lem" be­züg­lich die­ser An­kla­ge nicht ge­ant­wor­tet.)

Laut Dayan ist das ak­tuel­le Mass der Dien­ste an­ge­mes­sen, und die Mi­ni­ste­ri­en für Für­sor­ge, Woh­nen, Ar­beit und Ge­sund­heit ha­ben al­le­samt das Bud­get in An­ge­le­gen­hei­ten der Stras­sen­be­woh­ner er­höht. Die­se sind be­rech­tigt zu Re­ha­bi­li­ta­ti­on, Miet­zu­schüs­sen, Wei­ter­bil­dung, psy­cho­so­zi­aler The­ra­pie und an­de­ren Dien­sten. Aber nicht alle sind wil­lens oder fä­hig, die­se zu nut­zen.
"Auf der Stras­se zu le­ben ist ein Le­bens­stil," sagt Dayan. "Die Stras­sen­be­woh­ner sind vom Rest der Ge­sell­schaft los­ge­löst, aber das gibt ih­nen Gra­de von Frei­heit, wel­che ei­ni­ge un­ter ih­nen nicht auf­ge­ben wol­len. Das mag ei­ne schreckli­che Frei­heit sein für un­se­rei­nen, und viel­leicht so­gar für sie, aber manch­mal zie­hen sie die­se dem Schmerz der Rea­li­täts­er­kennt­nis vor und der Angst, sie könn­ten ver­sa­gen bei dem Ver­such, sich das Le­ben neu auf­zu­bau­en."
"Na­tür­lich gibt es ei­ni­ge, die ihr Le­ben wie­der auf­bau­en," fährt Dayan fort. "Und dann sind da auch noch an­de­re Er­fol­ge. Es hängt eben da­von ab, was wir ei­nen Er­folg nen­nen. Ein Mann kam erst­mals in die Not­schlaf­stel­le, als er schon im Ster­ben lag. Wir konn­ten sein Le­ben nicht mehr ret­ten. Aber er starb in ei­nem Bett mit rei­nen La­ken, nicht in den Stras­sen. Ist das ein Er­folg? Viel­leicht."
"Die Ge­sell­schaft be­han­delt Ob­dach­lose als ob sie durch­sich­tig wä­ren," sagt Kat­zav. "Viel­leicht wirfst Du ei­ne Mün­ze in ei­nen Be­cher, aber du siehst sie nicht. Aber wenn du ein­mal ih­re Exi­stenz an­er­kannt hast, und dass die Stras­se nicht wirk­lich ei­ne an­de­re Welt ist, dann fängst du an zu se­hen. Du ent­wickelst ein drit­tes Au­ge, und du lernst, das an­de­re mensch­li­che We­sen wirk­lich zu lie­ben."

*Am 15. Feb­ruar wird El­em sei­ne jähr­liche Sam­mel­ak­ti­on be­gin­nen un­ter dem Slo­gan: "Wir wol­len ih­nen in die Au­gen blicken."
*She­kel, Ge­mein­de­dien­ste für Men­schen mit Be­hin­de­run­gen, ist ei­ne Non-Pro­fit Or­ga­ni­sa­ti­on, wel­che Dien­ste in Ge­mein­den für 5'000 Kin­der und Er­wach­se­ne mit phy­si­schen, psy­chi­schen und emo­tio­na­len Be­ein­träch­ti­gun­gen an­bie­tet. 673-0157/8
*Die Kri­sen-Hot­line der Stadt­ver­wal­tung: 625-6202


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