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Die Kälte dringt durch die Löcher in den Wänden und das Wasser tropft durch die Risse im Dach. Die Kol-YisraelChaverim (Ganz-Israel-sind-Freunde /d.Ü.) Schule in der Nachbarschaft des Machane Yehuda Marktes und des Klal Zentrums war einmal eine glorreiche Schule. Von der Stadtverwaltung verlassen, dient es jetzt als Sulanov (auch "Sula": Slang für Bunker, Versteck, Hide-out /d.Ü.) für Jerusalems jüngstes Strassenvolk.
In einigen Räumen liegt der Schmutz fast einen halben Meter hoch. Menschliche und tierische Fäkalien, weggeworfene Drogenspritzen, benutzte Hygienebinden, schimmliges Brot und ein einsamer Schuh; und alles ist überlagert mit Russ.
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Es herrscht ein faulig-säuerlicher Gestank, durchsetzt mit dem Geruch von erloschenen Feuern.
"Wahrscheinlich verbrennen sie Dinge, um sich nachts warm zu halten," meint Relly Katzav, die Leiterin von Galgal, einem von Elem gesponserten Outreach Programm. Elem ist eine Non-Profit Organisation für Ausreisser, Obdachlose und ausgestossene israelische
Jugendliche.
"Sie leben auf der Strasse. Wenn wir in ihrem Leben einen Unterschied machen wollen, müssen wir sie erst einmal so akzeptieren, wie sie sind und sie dort abholen, wo sie sind: auf den Strassen und in den Sulas," sagt Katzav.
Sie geht einen Flur entlang, der mit einem schmutzigen Besen gefegt worden ist und klopft an eine geschlossene Tür.
"Dies ist das einzige Zuhause, das sie haben," erklärt sie ihr Klopfen. Wenn niemand antwortet, guckt sie in die kalte Dunkelheit hinein um sicherzustellen, dass niemand drinnen liegt, der ernsthaft krank oder gar bewusstlos ist. In diesem Raum ist der Schmutz zur einen Seite hin geschoben worden um einen Platz zu schaffen, wo die hier lebenden Strassenleute schmutzige Matratzen hinlegen und einen provisorischen Tisch einrichten konnten. Da befindet sich sogar ein Bild des Popstars Sarit Hadad, welches aus einer Zeitschrift ausgerissen und an die Wand geheftet wurde.
Die frühere Schule ist verlassen. Tagsüber ist es kalt und die Strassenkids schlüpfen in geheizten Durchgängen oder Suppenküchen unter. Nachts wird es noch kälter, aber dann gibt es nichts, wo man hingehen könnte. Darum kommen sie zurück an den einzigen Ort, wo sie schlafen können. Letzte Woche schliefen hier siebzehn Leute, sagt sie.
Heute Nacht wird Natalya hier sein oder in einem anderen Sula wie diesem, irgendwo im Zentrum von Jerusalem. Wenn sie am Zionsplatz spät nachts Kleingeld erbettelt, wirkt sie jeweils nur leicht angetrunken. Mit dem erworbenen Geld wird sie mehr Wodka kaufen gehen, welcher sie warm hält, wie sie behauptet. Sie wird nicht viel mehr erzählen, ausser dass sie 22 Jahre alt ist, dass sie mit 16 mit ihrer Mutter und Grossmutter aus Russland eingewandert ist, und dass ihre Mutter sie vor drei Jahren hinausgeworfen hat. Seither lebt sie auf der Strasse.
Mit jugendlicher Angeberei sagt sie, dass sie sich gut durchschlage, und wenn sie eine Dusche brauche oder wenn es ihr zu kalt sei, "ist ein Mann da, der mich herein nimmt - umsonst."
Natalya ist eine von schätzungsweise 140 Jugendlichen im Alter von 18-26, die auf Jerusalems Strassen leben. Laut Shabtai ("Shabi") Amedi, Verantwortlicher der Abteilung der Jerusalemer Stadtverwaltung für Jugendfürsorge, gibt es, wenn überhaupt, nur ganz wenige jüngere Teenager oder Kinder auf den Strassen. Das israelische Sozialsystem ist immer noch genügend intakt, meint er, und das Jugenddepartment ist immer noch stark genug um für die meisten zu sorgen. Das israelische Jugendgesetz gibt Sozialarbeitern eine weitreichende Autorität um dysfunktionalen Familien zu helfen, und um ausgerissene und verängstigte Kids in therapeutische Einrichtungen oder Pflegefamilien zu vermitteln, auch gegen deren Willen.
Aber wenn sie einmal 18 sind, greift das Jugendgesetz nicht mehr. Ältere Teens können nicht gegen ihren Willen in einen solchen Rahmen gezwungen werden, ausser sie stellen eine direkte Gefahr für sich selbst oder ihre Umgebung dar. Und für manche von ihnen ist es ein sehr steiler und kurzer Abstieg auf den Strassen. Doch dank Organisationen wie Elem und der Anstrengungen der Stadtverwaltung nimmt die Zahl der auf der Strasse lebenden Jugendlichen langsam, jedoch deutlich, ab.
Vom Gesetz her haben Jugendliche im Alter zwischen 18 und 26 Jahren, welche als Obdachlose diagnostiziert wurden, das Recht auf eine weite Spanne von sozialen Diensten und Vergünstigungen wie Notwohnung einschliesslich Ausbildung, Langzeit-Wohn-Unterstützung, Rehabilitation und therapeutische Dienste, sowie für betreutes Wohnen. Sie können sogar Geld bekommen, um damit ein Konto zu eröffnen.
Um jedoch solche Dienste nutzen zu können, müssen sie damit einverstanden sein, die Regeln zu befolgen, einen Drogenentzug zu machen und trocken zu bleiben von Alkohol und Drogen. Und sie werden lernen müssen, Vertrauen aufzubauen.
Und manchmal haben sie Erfolg. Amedi erinnert sich an ein junges Mädchen von der früheren Sowiet-Union. Sie kam allein nach Israel und lebte sich in der Internatsschule nicht ein, welcher sie zugeteilt worden war. Amedi, der damals Sozialarbeiter war, fand sie, unterernährt und krank. Einmal evakuierte er sie vom Sula mit der Ambulanz in einem Zustand nahe dem klinischen Tod. Sie kehrte mehrmals auf die Strasse zurück, aber er gab sie nicht auf.
"Irgendwie wusste ich, dass sie es in sich hat," erinnert er sich: "ich wusste, dass sie es schaffen kann."
Langsam sprach sie auf seine Behandlung an. Sie brauchte Jahre, aber sie war schliesslich in der Lage, die Mittlere Reife zu beenden. Heute studiert sie Physik an einer israelischen Universität, lebt in einer Studentenwohnung - und macht Volontärsdienste in einem Drogen-Rehabilitations-Programm für Jugendliche.
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Weil die meisten dieser jungen Leute den Schritt zu einem Drop-In oder Rehab Zentrum selber nicht schaffen, kommen Gruppen wie Elem zu ihnen in die Nähe.
Mehrere Male pro Woche, seit 1977, steht der Elem Bus von 22:30 Uhr bis in die frühen Morgenstunden am Zionsplatz. Es gibt dort eine gemischte Gruppe von Jugendlichen - abgesprungene Ultra-Orthodoxe, Araber, weggelaufene Kids aus Siedlungen in Judäa und Samaria, Immigranten und Mittelklasse-Kids aus "guten Häusern". Da sind viele verängstigte Kids. Und nachdem um 00:30 Uhr der letzte Bus die Stadt verlassen hat, müssen wohl die meisten der jetzt noch umherstreifenden Jugendlichen zu denen gehören, die nirgendwohin gehen können. Diese werden vom Bus angezogen.
"Sogar Aschenputtel hatte einen Ort, wo sie nach Mitternacht hingehen konnte", sagt Elad Greenberg, der Verantwortliche vom Elem-Bus.
Viele von ihnen sind drogenabhängig, doch es gibt ein schweigendes Abkommen zwischen Elem, der Polizei und den Jugendlichen. Die Polizei hält sich in Distanz und die Jugendlichen respektieren den Bus und halten den Bereich um ihn herum sauber und drogenfrei.
Der Bus ist nicht dort um Therapie anzubieten, sondern um einen ersten Outreach zu machen und zu versuchen, die Strassenjungs mit einigen Aspekten des normativen Lebens in Kontakt zu bringen.
Ausgebildete Volontäre suchen die Strassenkids, und Berater bieten in den Bussen von lokalen Bäckereien gesponserte Borekas an, etwas zu Knabbern und heisse Getränke. Die Volontäre laden die Jugendlichen auf eine Runde Scheschbesch ein (ein Brettspiel /d.Ü) oder auf einen Schwatz - und dazu, dem kalten und beissenden winterlichen Nachtwind zu entfliehen.
Das Israel-Museum stellt das Material und die Kunstlehrerin Dahlit Sharon zur Verfügung, welche die herumstreifenden jungen Leute einlädt, zeichnen zu kommen.
"Es ist keine Kunsttherapie", sagt sie vorsichtig, aber es ist ein Versuch, ihnen etwas anderes zu tun zu geben, sie etwas an die normative Gesellschaft anzunähern und ihnen einen anderen Weg der Kommunikation zu eröffnen." Die Ziele sind bescheiden niedrig gesteckt.
Eine junge Frau in einst eleganten, jetzt aber abgetragenen Kleidern, kommt jede Woche. Sie sitzt an einem Tisch, den Sharon aufgestellt hat, und zeichnet Gesichter, meist in schwarz, für mehr als eine Stunde. "Ich weiss nicht, ob sie einen Ort hat, wo sie wohnen kann," sagt Dahlit. "Aber etwas muss sie plagen, dass sie jede Woche wiederkommt, egal wie warm oder kalt es ist."
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"Auffälligerweise," betont sie, "nimmt die junge Frau ihre Zeichnungen nie mit." Wenige der Leute vom Zionsplatz tun das. [Einige der verlassenen Zeichnungen sind auf diesen Seiten abgebildet.]
"Ich komme regelmässig hierher," fährt Sharon fort. "In Regen und Schnee kommen wir Volontäre und Mitarbeiter immer wieder zurück. Ich weiss, dass dies abgedroschen klingen muss, aber ich bekomme tatsächlich mehr als ich gebe. Ich werde vielleicht das Vertrauen eines dieser so tief verletzten Menschen gewinnen - und allein deswegen schon werde ich immer wieder herkommen."
Sie fährt fort: "Jeder einzelne dieser Leute hat das Potenzial, eine produktive Person zu werden, mit dem Drogen- und Alkoholmissbrauch aufzuhören und sich selbst und die Gesellschaft zu bereichern. Ich weiss, dass wir ihr Leben nicht verändern können, aber manchmal bilden wir tatsächlich den Unterschied zwischen Leben und Tod."
Greenberg weist unauffällig auf einen jungen Mann, der den heissen Tee in grossen Schlücken hinunterkippt. Er ist gross und breitschultrig, und sein Mantel ist ihm zu klein und zu dünn für das unfreundliche Wetter.
Seit Monaten schon pflegt er zweimal die Woche im Bus "vorbeizuschauen". Er plaudert ein wenig, trinkt etwas Tee und erzählt praktisch nichts über sich selbst. Greenberg kennt seine Geschichte noch nicht, ausser dass er auf der Strasse lebt.
"Wenn wir ihn in seinem Tempo gehen lassen, wenn wir ihn wirklich so akzeptieren, wie er ist, und wenn wir ihn die Hilfe auf eine Weise bekommen lassen, die ihm erlaubt, seine letzte verbliebene Würde zu bewahren - dann kann er vielleicht sein Leben ändern."
Bevor sie zum Bus kamen, waren einige der Strassenkids im Galgal ("Rad") Zentrum, einen Häuserblock entfernt an der Jaffastrasse.
Galgal ist ein Drop-In Zentrum, wo obdachlose und ausgerissene Jugendliche eine warme Mahlzeit einnehmen können. Sie können da eine heisse Dusche nehmen und die Kleider wechseln. Einhundert und zwanzig Jugendliche im Alter von 18 bis 26 Jahren kamen im letzten Jahr ins Galgal, die meisten davon Obdachlose, meist aus der ehemaligen Sowiet-Union. Das Zentrum ist dreimal die Woche von 18:00 Uhr bis 22:00 Uhr geöffnet. Danach gibt es für die meisten der jungen Leute keinen Ort, wohin sie noch gehen könnten.
Viele dieser russischen Jugendlichen kamen allein nach Israel, ohne ihre Familien, durch die Programme der Jewish Agency. Aber aus unterschiedlichsten Gründen konnten sie sich nicht einleben. Sie sind abgewandert und haben den Kontakt verloren. Es braucht nicht viel, auf der Strasse zu enden, wenn man niemanden hat, an den man sich wenden kann, wenn man die Sprache nicht spricht und sich in der Kultur nicht auskennt.
Andere stammen aus eingesessenen israelischen Familien. Mädchen, welche vor sexuellem Missbrauch flohen, Jungen, welche die Gewalt nicht länger ertragen konnten, oder Kids, welche es einfach in der normativen Welt nicht schafften.
Bald fangen sie an, Rauschgift zu konsumieren um den Schmerz zu betäuben, oder weil sie denken (fälschlich), dass es sie warm halte; vielleicht auch weil sie dazugehören wollen. Oder sie beginnen sich zu prostituieren, um einige zusätzliche Shekel zu machen.
Der Prozess ist schnell und gemein, sagt Katzav. Sie verlieren den Kontakt zur normativen Gesellschaft. Sie gehören in keinen Rahmen, haben keine Adresse, ernähren sich schlecht und werden krank. Jedes Jahr sterben drei oder vier von ihnen auf den Strassen.
Das Galgal Zentrum bietet auch medizinische und juristische Dienste an, welche von professionellen Volontären
zur Verfügung gestellt werden. Sie händigen saubere Injektionsnadeln aus in der Hoffnung, zumindest die Verbreitung infektiöser Erkrankungen zu vermindern. Da gibt es sogar einen Reflexologen, der einmal die Woche als Volontär dient. "Die Russen," sagt Katzav, "lesen gerne. Und hier gibt es einen Bücherschrank voller russischer Paperbacks."
Katzav erzählt: "Die meisten dieser jungen Menschen konsumieren harte Drogen, und deshalb können sie die von der Stadt angebotenen Dienste nicht in Anspruch nehmen. Wir sind das erste Verbindungsglied. Wir akzeptieren sie bedingungslos. Wir respektieren ihre Wahl und nehmen sie so an wie sie sind, doch wir versuchen immer, Motivationen für eine Änderung zu schaffen, für eine kleine Wende hin zu der normativen Welt."
Wo immer es möglich ist, versuchen die Volontäre und Mitarbeiter von Galgal und Bus die Jungen zu überzeugen, sich an die städtischen Dienste zu wenden, um ihre Identitäts-Papiere in Ordnung zu bringen, damit sie die Beiträge von der Sozialfürsorge einfordern können, zu welchen sie berechtigt wären, und vor allem, dass sie einen Entzug mit nachfolgendem Rehabilitations-Programm in Angriff nehmen.
Sie erinnert sich an eine junge Frau, welche nach Monaten regelmässiger Besuche im Galgal einem Volontär eröffnete, dass sie seit mehr als elf Jahren keinen Film mehr gesehen habe. Mit Geld aus der Kleingeldkasse gingen sie und ein Volontär "Ocean 12" ansehen.
"Ihre Geschichte verlief nicht wie im Märchen," sagt Katzav. "Sie ist immer noch auf der Strasse und konsumiert Rauschgift. Aber wenigstens hatte sie einmal ein positives Erlebnis und gewann ein bisschen mehr Vertrauen."
"Vertrauen," sagt Amedi, "ist entscheidend. Zum Zeitpunkt wo sie zu uns kommen, sind diese Jungen durch die Hölle gegangen. Um auf der Strasse zu überleben, müssen sie das Gesetz brechen, und so sind sie mit dem Gesetz in Konflikt. Die Welt war nicht gut zu ihnen - warum sollten sie uns also vertrauen? Um ihnen zu helfen, müssen wir erst ihr Vertrauen gewinnen und uns ihrer würdig erweisen."
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Sergei ist 48 Jahre alt, und er lebte sieben Jahre auf der Strasse, bevor er die Hilfe von SHEKEL annahm, einer Non-Profit Organisation, an welche die Stadtverwaltung ihre Hilfsangebote für erwachsene Strassenbewohner ausgelagert hat.
Das Fürsorgeministerium definiert einen Strassenbewohner als eine Person "im Alter von mehr als 18 Jahren, die auf der Strasse, in verlassenen Gebäuden, öffentlichen Gärten oder Plätzen und in Baustellen haust, in tiefer psychischer und emotionaler Vernachlässigung, getrennt und abgelehnt von Familie und Freunden."
Nach Angaben von Adit Dayan, der Verantwortlichen für die Unterabteilung für Obdachlose in der Abteilung für Rehabilitation im Fürsorgedepartment der Jerusalemer Stadtverwaltung, gibt es heute mehrere hundert Strassenbewohner in Jerusalem, etwa 60% mehr als im letzten Jahr.
"Es ist schwierig, genau abzuschätzen, wieviele es sind," erklärt sie. Einige sind einfach bei keiner der Autoritäten oder Sozialdienste bekannt. Andere machen wiederholte Besuche in den Notunterkünften oder Entzugseinrichtungen, wodurch sich die Ziffern aufblasen.
Die gesammelten Daten machen ersichtlich, dass das Durchschnittsalter eines erwachsenen Strassenbewohners in Jerusalem heute 42 Jahre beträgt. 85 Prozent von ihnen sind Männer. 65 Prozent sind Alkoholiker, während weitere 30 Prozent Rauschgiftsüchtig sind. Nur 28 Prozent haben schwere psychische Probleme.
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Über 80 Prozent sind Einwanderer aus der früheren Sowiet-Union, allerdings wächst die Zahl der eingesessenen Israelis ständig.
"Früher war es für Israelis einfach undenkbar, auf der Strasse zu leben," sagt Dayan. "Aber im jetzigen Zeitalter der Privatisierung und der Zerstörung des Sozialwesens wird es denkbar. Und wir, die Öffentlichkeit, haben uns daran gewöhnt. Wir sehen sie nicht mehr, sogar wenn sie sich direkt vor unseren Füssen befinden."
Viele unter ihnen haben eine Geschichte wie Sergeis. In der früheren Sowiet-Union war er ein Arzt. Er kam nach Israel in den 90-ern mit Frau und Sohn. Aber er konnte als Arzt keine Arbeit finden, und so arbeitete er als Krankenpfleger. Er fühlte sich bitter und entwertet und begann, mehr zu trinken als je zuvor. Einmal erschien er betrunken an der Arbeit im Spital und verlor seine Arbeit. Als er in der Wut der Trunkenheit seine Frau schlug, riefen die Nachbarn die Polizei. Seine Frau erwirkte ein Hausverbot, und so konnte er nicht mehr in seine Wohnung. Er hatte keinen Ort, wohin er gehen konnte. Er schlief auf einer Parkbank und in Durchgängen. Er ass in Suppenküchen und begann Geld zu erbetteln, wovon er sich mehr Wodka kaufte.
Dreimal versuchte er zu entziehen, aber jedesmal kehrte er auf die Strasse und zum Wodka zurück. Er wollte sterben. Die kalte Betäubung der Trunkenheit war viel leichter zu ertragen als die Erkenntnis, dass er auf felsenharten Grund gelaufen war. Er verlor jeglichen Kontakt zu Frau und Kind. Er verlor den Kontakt zu jedermann.
"Ich hatte sogar vergessen, wie normale Leute sich duschen und anziehen," erinnert sich Sergei heute.
Er hatte vier Jahre auf der Strasse verbracht, bevor er in der Lage war, sich von dort wieder hochzuhangeln, erst zu einer Notunterkunft, dann in ein Rehabilitationszentrum und danach ins betreute Wohnen.
Zur Zeit lebt er in einer Wohngemeinschaft, welche von SHEKEL geführt wird. Er lernt, mit anderen zusammen zu leben und sich darauf vorzubereiten, in eine eigene Mietwohnung zu ziehen. Er arbeitet jetzt als Abwäscher, aber zumindest arbeitet er, sagt er. Nach einem Acht-Stunden-Pensum kommt er heim in die Wohngemeinschaft, wo er seine Verpflichtungen und seine Routine hat, genau wie alle anderen.
"Ich weiss, dass ich nie wieder ein Arzt sein werde," sagt Sergei. "Und das schmerzt. Ich möchte es immer noch wegsaufen. Aber ich will meinen Sohn wiederfinden. Und ich will jetzt leben. Ich weiss nicht, welche Art von Leben ich haben werde, aber ich denke jetzt zumindest, dass ich es versuchen kann." Ähnlich den Jugendprogrammen sind SHEKEL's Programme Mehrstufen-Programme, von Notunterkünften zu betreutem Wohnen, Berufsberatung und Übergangswohnungen bis hin zu Mietwohnungen.
Dayan hebt hervor, dass Einwanderer von der früheren Sowiet-Union anhand der Periode unterschieden werden können, in welcher sie nach Israel kamen. In den 90-ern hatten viele der später auf der Strasse lebenden Einwanderer ein normatives Leben in Russland gelebt, doch hier in Israel waren sie nicht in der Lage, die Krise der Einwanderung zu verkraften. Jedoch im Blick auf die letzten Jahre klagt sie: "Die Agenten der Jewish Agency haben ihre Quoten für die Einwanderung zu erfüllen. So lesen sie die Leute auf der Strasse auf, Menschen, welch in ihrem Ursprungslande kein normatives Leben führten, und sie bereiten sie nicht auf die Realitäten eines Lebens hier vor."
(Das Büro des Sprechers der Jewish Agency hat auf die Nachfrage des Magazins "In Jerusalem" bezüglich dieser Anklage nicht geantwortet.)
Laut Dayan ist das aktuelle Mass der Dienste angemessen, und die Ministerien für Fürsorge, Wohnen, Arbeit und Gesundheit haben allesamt das Budget in Angelegenheiten der Strassenbewohner erhöht. Diese sind berechtigt zu Rehabilitation, Mietzuschüssen, Weiterbildung, psychosozialer Therapie und anderen Diensten. Aber nicht alle sind willens oder fähig, diese zu nutzen.
"Auf der Strasse zu leben ist ein Lebensstil," sagt Dayan. "Die Strassenbewohner sind vom Rest der Gesellschaft losgelöst, aber das gibt ihnen Grade von Freiheit, welche einige unter ihnen nicht aufgeben wollen. Das mag eine schreckliche Freiheit sein für unsereinen, und vielleicht sogar für sie, aber manchmal ziehen sie diese dem Schmerz der Realitätserkenntnis vor und der Angst, sie könnten versagen bei dem Versuch, sich das Leben neu aufzubauen."
"Natürlich gibt es einige, die ihr Leben wieder aufbauen," fährt Dayan fort. "Und dann sind da auch noch andere Erfolge. Es hängt eben davon ab, was wir einen Erfolg nennen. Ein Mann kam erstmals in die Notschlafstelle, als er schon im Sterben lag. Wir konnten sein Leben nicht mehr retten. Aber er starb in einem Bett mit reinen Laken, nicht in den Strassen. Ist das ein Erfolg? Vielleicht."
"Die Gesellschaft behandelt Obdachlose als ob sie durchsichtig wären," sagt Katzav. "Vielleicht wirfst Du eine Münze in einen Becher, aber du siehst sie nicht. Aber wenn du einmal ihre Existenz anerkannt hast, und dass die Strasse nicht wirklich eine andere Welt ist, dann fängst du an zu sehen. Du entwickelst ein drittes Auge, und du lernst, das andere menschliche Wesen wirklich zu lieben."
*Am 15. Februar wird Elem seine jährliche Sammelaktion beginnen unter dem Slogan: "Wir wollen ihnen in die Augen blicken."
*Shekel, Gemeindedienste für Menschen mit Behinderungen, ist eine Non-Profit Organisation, welche Dienste in Gemeinden für 5'000 Kinder und Erwachsene mit physischen, psychischen und emotionalen Beeinträchtigungen anbietet. 673-0157/8
*Die Krisen-Hotline der Stadtverwaltung: 625-6202